Was war ich heute überrascht, als ich die Post aus dem elektronischen Briefkasten fischte. Zwar hast du mal wieder nicht geschrieben, aber dafür meine Parteikumpels Franz und Frank-Walter. Ich halte ja generell sehr viel von Mails an einen großen Verteiler. Die sind immer sehr pointiert und man fühlt sich so wärmend angesprochen und integriert.
Auf jeden Fall schreiben Franz und Frank-Walter, dass es jetzt ordentlich losgeht mit dem Wahlkampf und 2009. Ist ja auch alles im Prinzip ganz in Ordnung und ich möchte mich nicht zum Richter über einzelne Formulierungen machen. Aber zwei Aspekte drängen sich mir auf: Das verzweifelte Ringen um das Zepter des sozialen Gedankenguts und der abrupte Wechsel in der Gangart des Textes.
Der erste Punkt scheint mir so etwas wie die Kernproblematik der heutigen SPD zu sein: Statt deutlich zu machen, wie die Konzepte für eine wirklich soziale Gesellschaft aussehen könnten und wie die konkreten Schritte sind, um diese zu erreichen, wird panisch festgestellt, dass andere dem Zeitgeist folgend auch soziale Komponenten in ihre Programme aufnehmen. Und das geht ja nun wirklich nicht, denn wir waren schließlich zuerst da. Ihr könnt jetzt nicht einfach kommen und behaupten, ihr wollt auch was für alle machen, weil wir das nämlich schon lange gesagt haben. Wenn es das ist, was die Spitze meiner Partei für vernünftige Argumentation hält, dann ist endlich wahr geworden was Herbert Grönemeyer schon seit 1986 fordert. Aber ob er das so gemeint hat?
Es ist ja tatsächlich recht wahrscheinlich, dass andere Parteien, die derzeit möglicherweise hier und dort mal eine Idee ausborgen, diese rasch wieder zurückgeben, wenn die Meinung des mächtigen Boulevards (was sagt eigentlich M. Reif zu sozialer Gerechtigkeit?) sich wieder ändert. Aber das herauszustellen sollte doch möglich sein, ohne in kindlichem Starrsinn auf der eigenen Urheberschaft zu beharren. Worauf würde das letztlich hinauslaufen: Wenn die CDU unsere Ideale komplett umsetzt, dann finden wir die aber blöd und behaupten das Gegenteil?
Zum zweiten Aspekt, der leider nur ein stilistischer ist: Was für ein wilder Ritt auf den letzten Worten. Da wird über zwei Absätze geradezu schäumend vor lauter Wahlkampfwut die CDU ("Die Konservativen und ihre Helfer") an den Pranger gestellt und man wähnt sich mitten in einer Wahlkampfveranstaltung auf einem beliebigen Platz in einer beliebigen traditionellen Hochburg. Man ist kurz davor, alle Hemmung abzuwerfen und endlich Teil der rasenden Masse zu werden, da wirft einen der wiehernde Gaul plötzlich in hohem Bogen ab und der wilde Ritt endet auf einer dicken Weichbodenmatte: "Ruhige Feiertage und einen guten Rutsch wünschen wir Dir und ein privat und beruflich erfolgreiches Jahr 2009" Was für ein Abgang :-)