Freitag, 13. März 2009

Neulich beim Hassprediger

Wir haben einen Auftritt von Serdar Somuncu besucht. War zwar sehr kurz, aber dennoch auch entsprechend weilig.

Zwei Gedanken bereiten mir allerdings Sorgen: Es gab tatsächlich einige Anwesende, die wirkten, als wollten sie sagen: Was nimmt der sich raus, der Türke, so mit mir zu sprechen. Und genauso schlimm: Vermutlich gab es auch einige Anwesende, die nicht ganz verstanden haben, dass das, was auf der Bühne stattfand, auf die Bühne gehört und nicht ein wirkliches Lebensprinzip sein sollte und darüberhinaus auch nicht wirklich zum Selbstversuch anregen sollte. Auch wenn es der Künstler explizit gesagt hat: Nicht machen!

Auf jeden Fall ist es wirklich empfehlenswert, sich das Programm "Hassprediger" anzusehen. Somuncu ist im Mai wieder in der Gegend: 02. Mai in Duisburg, 26. und 27. Mai in Essen und am 28. Mai in Dortmund. Nachzulesen auch unter http://www.somuncu.de/

Von der Schwierigkeit der heiteren Gelassenheit in Krisenzeiten unter besonderer Berücksichtigung der Offensive des FC Schalke 04

Heitere Gelassenheit wird vielfach als der ideale Zustand menschlichen Seins beschrieben. Ich verstehe darunter einen Zustand, der entsteht, wenn man sich von der Bewertung der eigenen Handlungen löst. Er basiert darauf, dass ein Wertesystem nicht auf Leistungen, sondern auf der Beobachtung von Handlungen aufgebaut ist.
Dieses Wertesystem wäre dann nicht quantitativ, also [ungenügend, mangelhaft, ausreichend, befriedigend, gut, sehr gut], sondern qualitativ und beobachtend. Ein solches Wertesystem ermöglicht es, seine Handlungen eben nicht vom erwarteten Ergebnis -also von einer prognostizierten Zukunft- beeinflussen zu lassen, sondern lediglich von der Gegenwart. Anhänger eines quantitativen Wertesystems werden vermutlich sagen, dass das ja nicht unbedingt die besten Ergebnisse produzieren wird. Das wäre natürlich möglich, aber das ist ja möglicherweise auch gar nicht das Ziel. Der Weg zu den Ergebnissen ist jedenfalls der für den Handelnden wertvollere, da er es erlaubt, Ängste, Frustration, aber auch Freude zuzulassen und bewusst zu erleben.
Der Versuch, sich in einem scheinbar objektiven System zu bewegen jedoch, erzeugt lediglich Druck, da der sich Bewegende permanent versucht, seine Handlungen auf die Kriterien abzubilden. Dies kann bis zu einem gewissen Grad förderlich für das Erreichen der qualitativen Ziele sein, wird jedoch -so zumindest meine Beobachtung- bei jedem dann das genaue Gegenteil bewirken, wenn der Druck auch als solcher wahrgenommen wird. Sich erfolgreich in einem quantitativen System zu bewegen ist also vor allem demjenigen möglich, der Druck überhaupt nicht empfindet. Im Grunde führt vor allem eine Methode zu diesem Ziel, nämlich Ablenkung. Ein anderer Aspekt ist in der Arbeitspsychologie ausführlich untersucht worden: Druck (z.B in Form permanenter Beobachtung) kann bei stark repetitiven Handlungen durchaus förderlich wirken, bei kreativen Prozessen jedoch scheint er hemmend zu wirken.
Ein Sportprofi hat einerseits offensichtlich herausragende physische Talente. Er verfügt in der Regel über weit überdurchschnittliche Kraft, Ausdauer und vor allem koordinative Fähigkeiten. Dies allerdings sind Merkmale, die man häufig auch bei Menschen findet, die im mittel- und sogar unterklassigen Bereich Sport treiben. Ist man jedoch auf ein solches Fundstück gestoßen, dann wird es in den meisten Fällen ein großes Defizit im Umgang mit Drucksituationen geben. Die Mehrheit der Sportler, die es bis in höchste Spielklassen geschafft haben, verfügen jedoch nicht nur über die körperlichen, sondern eben auch über die mentalen Voraussetzungen.
Die Spieler des FC Schalke 04 der letzten 10 Jahre sind zweifelsohne mit großer Mehrheit zu den Spitzensportlern zu zählen (Ailton hatte einfach einen sehr kurzen Hals und sah daher etwas spackig aus und Ze Roberto... na ja, große Mehrheit halt, nicht alle). Daher ist davon auszugehen, dass sie auf ihrem bereits zurückgelegten Weg permanent in Drucksituationen waren und scheinbar die meisten dieser Situationen erfolgreich bewältigt haben. Warum hat es dennoch in den vergangenen Jahren trotz mehrfacher Chance nicht dazu gereicht hat, letztlich deutscher Meister zu werden? Ich glaube, dass allein diese Fragestellung schon der größte Teil des Problems ist. Der Druck, der durch diesen Anspruch aufgebaut wird, ist in dieser Form einfach nicht aushaltbar und wird zudem in jedem Jahr größer. So weit ist die Situation der Knappen hinlänglich bekannt und diese Analyse findet man auch regelmäßig im Wald- und Wiesensportjounalismus. Ich möchte nun allerdings dieser Analyse eine -so scheint mir- weitere Facette hinzufügen: Meiner Wahrnehmung nach, ist die Defensive der Schalker Jahr um Jahr ein Prunkstück seiner Zunft. Ich schreibe bewusst meiner Wahrnehmung nach, denn wenn man sich die Abschlusstabellen der letzten Jahre ansieht, dann muss man feststellen, dass die Dominanz in diesem Bereich nur unwesentlich besser ist, als die Platzierung es letztlich aussagt: Seit der Saison 2000/2001 ist der königsblaue s04 im Schnitt 4,0. geworden, hat im Schnitt 36,75 Gegentore zugelassen und ist damit im Schnitt auf die jeweilige Saison gesehen 3,625. So weit, wie ich es im Vorfeld angenommen hätte liegen diese Werte also gar nicht auseinander. Sie sind es aber dennoch, die die herausragende Leistung der letzten Jahre dokumentieren, schließlich sind in diesem Zeitraum lediglich Bayern München (1,75.) und Werder Bremen (3,75.) besser, wenn es um die Tabellenposition am letzten Spieltag geht. Wenn man sich nun aber im Gegensatz dazu die Offensive der Schalker für diesen Zeitraum ansieht, erhält man tatsächlich ein gänzlich anderes Bild: Mit im Schnitt 52,875 geschossenen Toren pro Saison liegt S04 damit im Schnitt pro Saison auf dem 6,5. Platz, wobei diese Zahl sogar noch durch den Umstand geschönt wird, dass das einzige Jahr, in dem Schalke in der Statistik der geschossenen Tore Erster geworden ist, hierzu lediglich 65 Tore ausgereicht haben. Der jeweilige Meister hat übrigens im Schnitt 68 Tore geschossen. Es ist also nicht nur ein emotional gefärbter Eindruck, dass die Offensive nicht so richtig funktioniert, sondern sehr wohl mit Zahlen belegbar. Spürt die Defensive nun also weniger Druck oder ist sie besser darin, den Druck zu bewältigen? Ich glaube, dass es sich wie folgt verhält: Ein Abwehrspieler hat überhaupt keine Zeit, Druck zu empfinden. Durch den Umstand, dass er sich reaktiv und destruktiv verhält, ist er vollauf damit beschäftigt, seinen Gegenspieler zu beobachten und zu bekämpfen. Hierbei hat er nicht die Gelegenheit, sich mit seinen inneren Stimmen zu beschäftigen, die ihn davon überzeugen könnten, dass es ziemlich schwierig sein könnte, das ins Auge gefasste Ziel zu erreichen; der Defensivspieler wird gänzlich von seinem Gegner in Anspruch genommen und letztlich auch gelenkt, selbst wenn er diesen im Sinne seines Zieles, also den Ball zu erobern, beherrscht. Wenn man hingegen einen Offensivspieler betrachtet, so steht er immer vor der Herausforderung, selber zu entscheiden in welchem Augenblick und mit welcher Aktion er sein Ziel, nämlich: den Ball ins Tor zu befördern, erreichen möchte. Er muss neben seinen physikalisch präsenten Gegenspielern also immer auch noch die Zweifel in sich selbst bekämpfen. Diese Überlegung wird zusätzlich dadurch unterstrichen, dass gerade im letzten Jahr eine große Zahl der Tore für Schalke nach Standardsituationen und hier vor allem nach Kopfbällen fielen. In einer Kopfballsituation gibt es schließlich nur begrenzt die zeitliche Gelegenheit, über die Konsequenzen eines Fehlversuches nachzudenken. Darüberhinaus wird auch ein Fehlversuch nicht so hart sanktioniert, in Form von Unmutsäußerungen der Südkurve und Gegengerade wie ein Sololauf von Kuranyi oder Altintop, der durch ein Verfehlen des Tores abgeschlossen wird.
Kann man aus dieser Überlegung etwas lernen? Mach dich nicht verrückt, Schätzelein! Das Schlämmersche Diktum ist hier sicher ein wertvoller Rat. Und doch wird es heute Abend, wenn es gegen Wolfsburg zum ersten Mal seit vielen Wochen wieder darum gehen wird, tatsächlich Anschluss an die Spitzengruppe zu bekommen, wieder erkennbar sein, dass es mal wieder nicht zielführend war, einen Schuldigen zu benennen und diesen zu entlassen, sondern dass das Gesamtsystem Schalke viel Ruhe bräuchte, um das Krankenlager irgendwann verlassen zu können.

Dienstag, 10. März 2009

Wir können auch anders

So, und wie fühlt man sich da? Na? Das soll dir eine Lehre sein!