Ein Löwe und ein Gnu sitzen beieinander. Ein vergnüglicher Abend, keine Sekunde scheint lang zu sein. Etwa zur Mitte des Abends beschließt das Gnu, all seine Zweifel fahren zu lassen und öffnet sein großes Herz dem Löwen. Die Reaktion gibt dem Gnu Recht, denn der Löwe freut sich über die Offenheit des Gnus und ein ums andere Mal geht ein strahlendes Lächeln über das schöne Gesicht des Löwens und seine goldene Mähne lässt die Glut des Feuers magisch widerscheinen. Das wiederum erfreut das Gnu, das seine Leidenschaft für das Einzelgängertum, für das Alleinsein nur sehr ungern preisgibt. Doch die Besonderheit der Situation - er war vom Auftritt des Löwens fasziniert vom ersten Anblick an - lässt ihn seine Leidenschaft vergessen, bekommt er doch so viel zurück, vor allem einen korrekten Spiegel seiner eigenen Seele. Augenblicke später erinnert sich das Gnu nicht einmal mehr seiner Zweifel, längst sind sie in Euphorie über die unvermutete Liebe zum neuen Freunde vollständig aufgegangen. Noch eine ganze Weile sitzen die beiden beisammen und berichten sich von unterschiedlichen Welten, den jeweils anderen ganz in den Bann ziehend, wie es dem Betrachter scheint.
Der Löwe erzählt dem Gnu von den Beschwerlichkeiten der Jagd, von der drückenden Zähigkeit der Langeweile, davon, wie schwer es ist, ein König zu sein. Doch auch deutet er immer wieder an, wie sehr er es genießt, diese Macht über seine Mittiere zu haben. Das Gnu seinerseits erstattet offenherzig und ohne Rücksicht auf die widersprüchliche Situation Bericht über die Härten des Alleinseins nach der unbeschwerten Jungtierepoche und der durch verschiedene Herausforderungen kurzweiligen Jungesellenzeit, von der Sehnsucht nach Wärme und Anerkennung durch Tiere von seinem Schlag. Von der Dynamik des Abends mitgerissen, öffnet das Gnu immer tiefere Kammern seiner Seele und offenbart sie dem Löwen. Dieser trägt ohne Unterbrechung sein wohlwollendes Königsgesicht zur Schau, dessen Gegenwart dem Gnu über alles schmeichelt.
Als die Morgenröte beginnt, die Situation in ein anderes Licht zu setzen, beschließt das ungleiche und doch in ihren Sorgen so verwandte Paar, dass es langsam an der Zeit sei, sich zu verabschieden. Das Gnu, das etwas mehr Feinsinn für die Ungewöhnlichkeit des Augenblicks hat, erwischt sich bei dem Gedanken, dass etwas, das zu perfekt scheint, um wahr zu sein, eventuell gar nicht wahr ist, als der Löwe, die Gedanken des Gnu zu lesen scheinend, diesem mit seinen Pranken den Brustkorb öffnet und das große Herz gänzlich schuldbewusstseinslos verschlingt. Mit brechenden Augen fragt das Gnu nach dem Warum der Nacht. "Manchmal ist es einfach schön, nicht alleine zu sein", antwortet der Löwe und schreitet stolz in den Morgen hinein, nicht einmal mehr die Geier beachtend, die um die verlassene Szene seit dem frühen Abend kreisten.
Freitag, 24. Mai 2013
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